Turkmenistan - Paranoia in weiß

Bei dieser Geschichte fängt alles mit dem Grenzübertritt an, so wie bei fast allen unseren Geschichten. Aber dennoch war dieser Übergang etwas anders als die vorhergehenden. Es waren nicht die anderthalb Stunden Mittagspause während denen wir des Gebäudes verwiesen wurden und auch nicht die Frage ob wir einen „catdog“ mit uns führen, sondern eher so ein etwas beklemmendes Gefühl beim Betreten eines Landes wie Turkmenistan, ständig unter den Augen des Präsidenten, der allgegenwärtig an den Wänden hing . Der GPS-Tracker den man ins Auto gelegt bekam machte es nicht besser und auch nicht das genaue Beobachten der Einreise einer Einheimischen die im wahrsten Sinne des Wortes bis auf das letzte Hemd kontrolliert wurde.

 

Als Individualreisender bekommt man für Turkmenistan nur ein Transitvisum von 5 Tagen, angeblich soll es auch eines für 7 Tage geben, wir haben allerdings noch nie jemanden getroffen, der ein solches erhalten hätte. Ein Touristenvisum erhält man nur wenn man sich einer geführten Gruppe anschließt.

 

Wir hatten also ein solches 5-Tagestransitvisum erhalten und machten uns darum nach Einreise schleunigst aus dem Staub. Wir wechselten noch schnell Geld auf dem Schwarzmarkt (machen alle – sogar Polizisten und des Weiteren war keine Bank auffindbar). Der Kurs dort war mit 1$ zu 18 Manat erstaunlich. In Asgabad erhält man derzeit sogar 21 Manat und somit das Sechsfache was man bei der Bank erhalten würde. Es ist aber dennoch illegal und der Geldtausch erfolgt meist in einer abgelegen Ecke auf dem Bazar. Wir tankten dann noch schnell in Konja-Urgench – (auch dank des schwarzen Wechselkurses für umgerechnet nur 0,06 Euro den Liter Diesel… ein kleiner Vorgeschmack auf die Spritpreis im Iran), besichtigten dann auch noch das dortige UNESCO Weltkulturerbe: ein Mausoleum, die Ruinen einer Karawanserei, sowie das höchste Minarett in Zentralasien mit 62 Metern. Am nächsten Tag, nach einem ganz guten wildcamping Spot, machten wir uns auf in Richtung Derweze Gaskrater – der Hauptattraktion auf unserer Transitreise durch Turkmenistan. Die Hauptverbindungsstraße war ziemlich schlecht und anfangs echt nervig zu fahren. Je näher man an die Hauptstadt Asgabat heranrückte desto besser wurde sie allerdings zum Glück.

Am Gaskrater selbst fühlte man sich ein bisschen wie Frodo in Mordor und Meiky wollte schon seinen Ring in den Schicksalsberg werfen. Es roch verdächtig nach Gas und wenn man am Rande des Kraters steht ziehen einem heiße Luftschwaden um die Nase. Die meiste Zeit und auch in der Nacht waren wir alleine dort, wenn man von einer Gruppe aus Hong Kong absieht, die sich zum Sonnenuntergang dort rumtrieb. Insgesamt ein beeindruckendes Schauspiel und man fragt sich wie lange der Krater wohl noch vor sich hin brennen wird bis ihm das Gas ausgeht.

Der nächste Tag brachte ab dem frühen Morgen einen Sandsturm, zwei weitere Sinkholes (jedoch ohne brennendes Gas) auf dem Weg, Wüste, Kamele und etwas bessere Straßenverhältnisse, bis wir am Tagesziel Asgabat ankamen. In der wohl seltsamsten Stadt der Welt – oder zumindest auf dieser Reise. Es handelte sich dabei um eine Mischung aus dem Headquarter einer Alien Nation in einer fremden Galaxie, die wohl eine Art Allergie gegen Farben haben müssen und darum alles in Weiß gehalten haben und einer Kulisse einer Art „Truman Show“. Bei den meisten der weißen hochhausartigen Bauten war ich mir nicht mal sicher, ob darin jemand wohnt oder arbeitet oder sie überhaupt irgendwie genutzt werden. Alleine die Einfahrt in die Stadt war gruselig: es ging vorbei an Batterien von Einfamilienhäusern, die einander glichen wie ein Ei dem anderen. Die paar dazwischen umherlaufenden Menschen in den typischen turkmenischen Klamotten wirkten wie fehl am Platze und ich fragte mich wie man sein Haus in angetrunkenem Zustand je wieder finden sollte. Die Straßen waren so sauber, dass man davon essen hätte können und nachdem man ein Weilchen in der weißen Kulisse umhergefahren war erschien mir sogar der Asphalt weiß. Dass alle Autos weiß waren ist selbstverständlich, so reihten wir uns mit unserem weißen Defender fast unbemerkt einfach darunter ein und auch der Flughafen, der sich mitten in der Stadt befindet wird von zwei riesengroßen weißen Möwen dargestellt.

 

Wir hatten die Adresse eines Hotels bei dem man „of course“ kostenlos die Nacht auf dem Parkplatz verbringen durfte. Höchstwahrscheinlich staatlich und stets unter den Augen der Parkplatzkameras – und des Portraits des Präsidenten, der in der Lobby beobachten konnte wann wer die Toilette aufsuchte. Es wurde allerdings noch grusliger als wir das gegenüberliegende, zugegeben echt tolle Café besuchten: Auto parkt vor Café, telefonierender Mann; anderer telefonierender Mann betritt Café; beide Männer bemerken, dass sie gerade miteinander telefonieren; Mann im Auto steigt aus und geht zu Mann in Café, setzen sich an Tisch neben uns, reden leise, sitzen da, zwanzig Minuten und gehen ohne etwas bestellt zu haben; verschwinden. Neuer telefonierender Mann fährt in Auto vor und steht vor dem Café. Zwei weitere Männer gehen am Café vorbei. Zehn Minuten später wieder zurück. Wir: verlassen Café und gehen in den Supermarkt nebenan. Vorbeigehender Mann von vorher steht beim Verlassen des Supermarktes vor der Tür; wir: verschwinden schnell ins Auto.

In einem Anflug von Paranoia hatte ich irgendwann das Gefühl, dass alles um uns herum nur noch wegen uns passiert und wunderte mich fast als wir abends auf der Suche nach einem Restaurant durch ein paar Straßen laufen konnten – ohne telefonierenden Männer zu begegnen. Aber das gruselige Gefühl wurde nicht mehr besser und wir wollten einfach nur noch raus aus unserer Truman Show und waren froh am nächsten Tag dieses blöde GPS los zu sein auf dem Boden des Iran zu stehen – die Augen des Portraits des turkmenischen Präsidenten am Grenzgebäude blickten uns noch lange hinterher.



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