vanlife the reality

22.05.2021 von Meiky

In den letzten Jahren hat die Verschlagwortung mit dem Hashtag „Vanlife“ um ein Vielfaches zugenommen. Fiel Euch dabei schon mal auf, dass Euch die Suche nach #Vanlife in Social Media, wahnsinnige viele Bilder von glücklichen, attraktiven Menschen angezeigt? Posierend in vintage- eingerichteten Vans, vor wunderschönen Panoramen und in der Einsamkeit campend? Vanlifers stehen natürlich nie auf einem Campingplatz, sondern immer irgendwo in der Wildnis. Bei den Innenaufnahmen ist immer alles sauber und aufgeräumt, die Wände mit Naturholz verziert. Es sind offene Bücherregale, tibetanische Gebetsflaggen und selbstgezüchteter Koriander in bunten Blumenvasen zu sehen. Die appetitlichen Fotos von Mahlzeiten und frischgegrilltem (natürlich vegan) sowie das selbstgebackene, glutenfreie Brot am Morgen, dürfen nicht fehlen.

 Ja, ich weiß, auch wir vermerken unsere Fotos unserer Top Übernachtungsspots zum Teil gerne mit #Vanlife. Warum auch nicht, gibt doch auch einen Markt für reisefreudige Follower. Viele von den Suchergebnissen vermitteln aber ein falsches Bild vom Leben auf der Straße, in naturbelassener Umgebung. Wahrscheinlich haben wir auch schon, das ein oder andere Mal, mit unseren Fotos ein falsches Bild vermittelt. Die Realität sieht nämlich ganz anders aus. Nur der Landy muss tatsächlich vor jeder Abfahrt aufgeräumt sein, weil sonst das ganze Zeug nach der ersten Bodenwelle in der Karre umherfliegt.Im #vanlife posieren perfekt zurechtgemachte Mädels mit schicken und vor allem sauberen Kleidchen. Also, wer draußen in der beschriebenen Wildnis lebt, kann dauerhaft keine saubere Kleidung haben. Es macht auch wenig Sinn, eine saubere Jeans oder Pulli aus dem Schrank zu holen, da alles sofort wieder dreckig wird: Einmal beim Kochen nicht aufgepasst, am dreckigen Auto angelehnt, schon hat man mindestens einen Fleck. Häufig sieht man sogar aus wie Sau. Man muss dann mit der beflecken Kleidung leben, da Pullis und Jeans im Durchschnitt erst nach 4 bis 6 Wochen gewaschen werden.

Viele denken, wir machen 24/7 Urlaub und sitzen jeden Tag mit einem „Schirmchendrink“ am Strand. Aber so ist es definitiv nicht. Wie fühlt sich das Leben an, wenn man mehrere Monate zu zweit in einer Kiste auf 4qm zusammen lebt und das nicht nur im Sommer bei schönem Wetter?

Unser Landy ist schon etwas in die Jahre gekommen, er ist laut, ab 90 km/h endet auch die Kommunikation. Es ist anstrengend 300 Kilometer am Stück zu fahren, selbst auf gut ausgebauten Straßen. Unsere Sitze sind zwar bequem, aber wenn ich während der Fahrt auf mich hinab schaue, muss ich feststellen, dass die Beinfreiheit in der Economy Class größer ist. Die Straßen sind manchmal nicht mehr als Straßen zu erkennen und es ist häufig besser in den ausgefahrenen Spurrillen neben der Strecke zu fahren.

 

Ach ja, es gibt ja auch noch die zermürbende Bürokratie, Planung, Verschiffung, Versicherungen, Einreisebestimmungen, Visa, Besuche beim Konsulat, nervige Grenzübertitte, etc. All das nagt an Kräften und Ressourcen und ist wirklich anstrengend. Und zu guter Letzt werden jetzt noch PCR-Tests notwendig sein, die bei Grenzübertritten nicht älter als 72 Stunden sein dürfen. All das hat mit dem suggerierten Hippie Lifestyle durch Vanlife Influencer nur wenig zu tun.

 An manchen Orten soll auch das Wetter mal nicht so schön sein, sogar Regen soll es geben. Wohin dann nur mit den matschigen Schuhen und der nassen Regenjacke? Auch kann es passieren, dass an der Ecke oben rechts unter dem Dach, das Wasser durchsickert. Reagiert man nicht rechtzeitig, saugt sich die Matratze voll und man schläft im Nassen. Zudem hat unser Bett nur eine Breite von 130cm und eine Länge von 185cm. Jaaa – ich kann da nicht ausgestreckt drin schlafen...

 

Wegen der Fahrzeuggröße spielt sich das Leben mehr im Freien ab. Auch bei Regen wird draußen gekocht. Dafür muss aber erstmal die Regenpersenning gespannt werden. Regen ist definitiv am nervigsten, vor allem wenn er über Tage andauert und mit der Zeit auch innen alles langsam immer feuchter wird. Gegessen wird fast immer draußen, solang das Thermometer noch Plusgrade anzeigt und es nicht regnet.

 

Ich frage mich auch, wie es für die Vanlifers möglich ist, einmal länger an einem Ort stehen zu bleiben? Schaut man sich unterwegs auf den Parkplätzen mal um und inspiziert die Vans genauer, sucht man meist vergebens nach Solarzellen auf den Dächern. Auch der Wasservorrat besteht nur aus einem max. 20 Liter Wasserkanister. Dieser steht dann irgendwo neben dem Van: klar wohin nur mit dem scheußlichen Wasserkanister, der versaut ja das komplette Instafoto.

 

 Hier noch ein paar Auszüge aus dem Landylife:

  • Es schneit: 5 Grad unter Null und man muss leider mehrfach raus, weil der Krautsalat nicht mehr gut war.
  • Beim Abspülen werden die Finger wegen der Kälte blau
  • Wasserhahn vergessen abzustellen: Spülbecken läuft über und flutet das ganze Fahrzeug
  • Nervig sind Werkstattaufenthalte. Vor allem, wenn diese länger als einen Tag andauern. Werkstätten sind fast immer an lauten Straßen oder in Industriegebieten gelegen. Meist keine schönen Übernachtungsplätze
  • Man freut sich riesig über eine heiße Dusche mit gutem Druck. Beim Landy kann nur draußen mit kaltem Wasser geduscht werden. (BITTE WASSERSPAREND)
  • Aufs Klo geht man mit dem kleinen Schäufelchen
  • Schlaflose Nächte: Autos mit lauter Musik stellen sich immer direkt neben einen, auch bei riesigem Parkplatz
  • Weitere schlaflose Nächte: Ratten starten eine Invasion auf dem Landy und müssen verscheucht werden. Oder: die ohrwurmhafte Musik eines Kinderkarusells (die sich danach für immer in dein Hirn brennt), oder der Wind so stark ist, dass man mit dem Landy dreimal umziehen muss
  • Oder es so heiß ist, dass man sich mit feuchten Handtüchern zu decken müssen, um überhaupt schlafen zu können
  • Lange Irrfahrten auf der Suche nach sicheren Stellplätzen (v.a. in Südamerika)
  • Fliegen und Mückeninvasionen
  • Unfähige Verschiffungsagenten

Natürlich finde ich es schön und die Fotos sehen echt cool aus, wenn manche kreative Millennial Hippster ihren Lieferwagen zum Lifestyle Van umrüsten. Es steckt viel Arbeit, Zeit und Mühe drin, die ich sehr schätze. Wir machen es nicht anders, mit Fotos an den Wänden, Lichterketten etc., da wir auch eine wohnliche Atmosphäre schaffen wollen. Es muss halt zweckmäßig bleiben.

 

Zum Schluss noch ein kleines Zitat von einem Overlander: Vanlife is Nickleback, Overlanding is Hendrix.



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